Lieber Herr Zech, Sie bieten in Zusammenarbeit mit der Europäischen Akademie für Heilpädagogik (EAH) die Weiterbildung „Kunst als Dialogprinzip – Freies künstlerisches Handeln in der Heilpädagogik“ an. Wie können sich Interessierte die Verbindung von Kunst und Heilpädagogik vorstellen?

Otto Zech, Referent der Weiterbildung „Kunst als Dialogprinzip“

Kunst fordert fast immer einen Dialog heraus, der erhöhte Sensibilität verlangt und über das Medium der Interaktion zu neuen menschlichen Beziehungen und Wahrnehmungen führt. Kunst als Interaktionsprozess, um lebenstragende Energien in heilende Elemente zu verwandeln: Über die Kunst zurück zu einem „verdeckten“ Ich. Es geht darum, die Freude am Gestalten zu wecken und Menschen in ihren oft verschütteten schöpferischen Kräften zu unterstützen, durch das Erleben der positiven Wirkung von Kunst bzw. kreativen Prozessen im Ateliergeschehen. Die klassische Kunsttherapie soll dabei nicht in Frage gestellt werden, es geht jedoch hier nicht um einen psychiatrisch-diagnostischen Auftrag. „Freie Kunst“ mit sozialen Randgruppen meint gerade ein „frei-sein“ von der Therapie. Dies stellt eine Qualität dar, die der Kunst und damit auch dem Menschen eine neue Chance gibt: Die Begegnung in der Kunst und die Entwicklung neuer Möglichkeiten für jeden selbst.

Sie haben selbst viele Jahre in Ihrem beruflichen Kontext im Atelier der Troxler-Werkstätten in Wuppertal mit freien künstlerischen Ansätzen Menschen heilpädagogisch begleitet. Auf welche Erfahrungen können und dürfen Sie deshalb zurückgreifen?

Vor und während meiner Tätigkeit im Troxler-Atelier war ich – und bin es immer noch – in Projekten und Atelierarbeit mit sogenannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen, der Aidshilfe, Drogenabhängigen, Kindern nach sexuellem Missbrauch oder Misshandlungen etc. tätig; 2010 dann das große Bindestrichprojekt am Bodensee. Das Troxlerprojekt entwickelte sich aus einem Arbeitsförderbereich. Aufnahmebedingung war lediglich das Interesse an künstlerischen Prozessen, die Form der Beeinträchtigung nachrangig. Die Ateliergemeinschaft setzte sich zusammen aus Menschen mit Down-Syndrom, Autismus, Lern- und körperlichen Behinderungen. Für fast alle wurde dieses Atelier zu einem zweiten Zuhause. Ungeahnte Talente, erstaunliche gestalterische Fähigkeiten und eine grundsätzliche Lebensfreude entwickelten sich, weil künstlerisch heilenden Prozessen Raum und Zeit gegeben wurde. Der Kunstmarkt wurde schnell aufmerksam. Ausstellungen im gesamten europäischen Raum waren die Folge. Künstlerische Initiativen im sozial- bzw. heilpädagogischen Raum sind auch immer Grenzwanderungen. Mit ihren kommunikativen, integrativen und identitätsstiftenden Potenzialen entwickeln sie oft eine spezifische Dynamik, die sich auf alle Lebensbereiche überträgt.

Sie haben verraten, dass Sie für die Weiterbildung einige Bonusmenschen eingeplant haben, d. h. KünstlerInnen, die Sie im Rahmen Ihrer eigenen Laufbahn kennengelernt haben und die die Weiterbildung mit ihrer Expertise bereichern wollen. Können Sie uns schon mehr verraten?

Durch Gespräche und Austausch wurden befreundete KünstlerInnen, PädagogInnen bzw. ehemalige Studierende auf mein Weiterbildungsangebot aufmerksam und signalisierten Interesse an der Mitwirkung. Angedacht sind u. a. ein Fachvortrag zum Thema Art Brut und eine Teilnahme des ehemaligen Solotänzers des Ensembles Pina Bausch Jean Laurent Sasportes, der ein Bewegungsprojekt mit Menschen mit Autismus ins Leben gerufen hat und daraus eine Bühnenproduktion entwickelte. Ziel ist ein weites Blickfeld auf das Thema.

Zum Schluss möchten wir von Ihnen wissen, Herr Zech, welche Motivation Sie mit der Weiterbildung „Kunst als Dialogprinzip – Freies künstlerisches Handeln in der Heilpädagogik“ verbinden und natürlich, was die Teilnehmenden bei Ihnen und mit Ihnen lernen können?

Motiv für die Mitgestaltung dieser Weiterbildung ist natürlich die, mein erworbenes Wissen und meine Erfahrungen an interessierte Menschen weiterzugeben. Ich möchte Mut machen, neue Wege und Möglichkeiten durch und mit der Kunst zu suchen und zu entdecken. Dabei bekommt das Dialogprinzip eine zentrale Bedeutung, d. h. aus dieser Begegnung können sich wieder völlig neue Ansätze entwickeln – auch für mich. Wir werden natürlich über methodisch-didaktisches Vorgehen sprechen, über die Anwendung verschiedener künstlerischer Materialien und über die Entwicklung von Ausstellungsmodellen. Das Wesentliche aber wird sein, sich auf etwas Neues einzulassen. Die gemeinsame Arbeit an einem Bild, einer Collage, einem Szenario etc. Sie hat die Form eines dialogischen Prozesses, eines Austausches, einer Gratwanderung zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Was in dieser Weiterbildung entstehen soll, ist nicht einfach eine Vermengung aus zweierlei. Es soll vielmehr aus der Empfindsamkeit des Dialoges ein Drittes, ein neuer Raum entstehen, in dem es um Wahrnehmung und Ausdruck geht. Der künstlerische Raum ist einer jenseits von Diagnosen wie gesund oder krank, normal, abnormal oder ausgefallen. Ein künstlerisch tätiger Mensch ist per se ein Handelnder jenseits der Definitionen Betreuter/Betreuer, Lehrer/Schüler, Gesunder/Behinderter.

Die EAH bedankt sich ganz herzlich und freut sich auf und über die Zusammenarbeit!

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